Was sind Stärken?

von | 30.01.2021 | Stärken, Positive Psychologie

Jeder Mensch hat Stärken und die Positive Psychologie liefert für die Beschäftigung mit diesem Thema einen wunderbaren Rahmen. Aber beginnen wir von vorne. Wusstest du, dass circa zwei Drittel der Menschen ihre eigenen Stärken nicht kennen? Dieses Phänomen nennt man Stärkenblindheit. Oft hängt dies nicht nur damit zusammen, dass man sich seiner eigenen Stärken nicht bewusst ist, sondern dass einem ein grundlegendes Stärkenvokabular fehlt.

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Gedankenexperiment

Welche Stärken kennst du? Zähle so viele wie möglich auf.

Wieviele Stärken sind dir eingefallen? Wie leicht oder schwer fiel es dir?

Mit dem Stärkenvokabular ist es ein bisschen, wie mit dem Sprechen lernen als Kind: die Anzahl der Wörter wächst mit dem Training und genauso kann man auch sein Stärkenvokabular trainieren. Auch wenn dir viele Stärken eingefallen sind, werden vermutlich einige Begriffe darunter sein, die nicht als echte Stärken zählen. Denn so etwas wie Pünktlichkeit oder gut Fußball spielen können, zählt genau genommen nicht als Stärke.

Stärken, Talente & Fähigkeiten

Stärken werden oft mit Verwandten wie Talenten, Fähigkeiten oder Interessen verwechselt. Auch wenn sie ähnlich sind, unterscheiden sie sich doch voneinander. Talente sind meist Verhaltensweisen, die ich gut kann, weil sie mir in die Wiege gelegt wurden. Vielleicht ist jemand besonders musikalisch und lernt Instrumente sehr schnell oder jemand kann unfassbar gut kochen. Talente sind Verhaltensweisen, die ich nicht einmal besonders üben muss, um sie gut zu können. Ich habe eben ein Talent dafür. Fähigkeiten oder Skills sind Verhaltensweisen, die ich viel geübt oder trainiert habe und deshalb gut kann. Das können Sportarten, berufliche Fähigkeiten, handwerkliche Fähigkeiten und vieles mehr sein. Wenn ich jahrelang geübt habe, wie man hübsche Mützen strickt, dann ist dies eine erlernte Fähigkeit, aber keine Stärke. Interessen sind Dinge, für die ich mich begeistere. Oft treffen sie mit unseren Talenten zusammen. Wenn ich gut Fußball spielen kann, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich für diese Sportart mehr begeistern kann, als der Durchschnittsmensch. Aber auch hier reden wir nicht von Stärken. Manchmal mogeln sich auch Werte in den Stärkenpool, nicht ganz unberechtigt, denn Stärken und Werte stehen sich oft sehr nahe. Aber ein Wert, wie Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit, ist keine Stärke, sondern etwas, das mir wichtig ist und sich deshalb meist in meinem Verhalten zeigt.

Stärken, im Sinne der Positiven Psychologie, sind positive Eigenschaften, die bestimmen, was wir tun, wie wir denken und fühlen und wer wir sind. Sie sind ein Dreiklang von Denken, Fühlen und Handeln und zeigen sich dementsprechend auch in unserem Verhalten, unseren Gedanken und unseren Gefühlen. Damit gehen sie über die Ebene der Verhaltensweisen hinaus. Und Stärken sind grundsätzlich gut bzw. haben positive Auswirkungen. Alles, was anderen oder sich selber schadet, ist entweder keine Stärke oder eine Stärke, die unter- oder übertrieben wird. Diese Definition mag etwas abstrakt klingen, aber sicherlich wird beim Kennenlernen der verschiedenen Stärken klarer, was gemeint ist. Tatsächlich ist es gar nicht trivial Stärken zu definieren, weshalb es auch in der Positiven Psychologie noch keine einheitliche Definition gibt.

Die Entwicklung der Charakterstärken

In der Psychologie gibt es schon seit Jahrzehnten eine Klassifikation für psychische Symptome und Erkrankungen, die ICD (oder in der amerikanischen Variante das DSM). Die ICD hilft psychische Erkrankungen zu kategorisieren und damit eine gemeinsame Sprache für diese Themen zu haben. Für die positiven Eigenschaften von Menschen gab es bis vor einigen Jahren leider keinen solchen Ansatz. Doch glücklicherweise änderte sich das 2004. In diesem Jahr veröffentlichten Martin Seligman und Christopher Peterson das Buch Character Strenghts and Virtues: A Handbook and Classification, in dem sie erstmals die 24 Charakterstärken beschrieben, die heute ein zentrales Modell in der Positiven Psychologie sind.

Entstanden sind die 24 Charakterstärken aus einer groß angelegten Untersuchung, an der nicht nur Martin Seligman und Christopher Peterson, als Größen der Positiven Psychologie, beteiligt waren, sondern auch eine Vielzahl von Forschern verschiedener Fachbereiche. Mehr als 50 Experten aus der Psychologie, den Sozialwissenschaften, der Philosophie und Theologie analysierten über einen Zeitraum von drei Jahren verschiedene philosophische, psychologische, sozialwissenschaftliche, religiöse und historische Quellen und Schriften. Sie durchforsteten über 200 Tugend-Kataloge und Schriften, die sich über einen Zeitraum von 3000 Jahren und die ganze Welt verteilen, nach einer gemeinsamen Stärkensprache. Darunter waren wichtige Schriften aus dem Buddhismus, Hinduismus, Taoismus, Christentum, Judentum, Konfuzianismus und Islam, Schriften von anktiken Philosophen, bedeutende Reden von zeitgenössischen Persönlichkeiten, wie Benjamin Franklin oder John Templeton, aber auch modernere psychologische Schriften verschiedener Strömungen. Ebenso wurden Statements der Boy Scouts (amerikanische Pfadfinder), populäre Songtexte, Graffitis, Tarotkarten, Autosticker, Grußkarten, Profile von Pokémon-Charakteren und die Mottos der Wohnheime von Hogwarts berücksichtigt.

Aus diesem riesigen Fundus an Informationen, leitete das Forscher-Team universell gültige Tugenden und Charakterstärken ab, die zeitunabhängig, interreligiös und kulturlos sind. Anschließend wurden die Stärken noch auf ihre Eignung und Eindeutigkeit hin überprüft. So etwas hatte es bis dato noch nie gegeben – eine gemeinsame Stärkensprache, die unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, Reiligion, Kultur war, an keinen Kontext gebunden und dazu noch wissenschaftlich fundiert und mit einem frei verfügbaren Stärken-Test.

Die 24 Charakterstärken im Überblick

Die 24 Charakterstärken werden auch als VIA-Stärken bezeichnet, weil das gesamte Projekt unter der Schirmherrschaft des VIA Institute on Character stand. VIA steht für Values in Action, also Werte in Aktion und beschreibt damit auf kurze Art und Weise, was Stärken sind – gelebte Werte. Seit dem Beginn des Projekts wird das Stärkenmodell vom VIA Institute, einer gemeinnützigen Organisation, verbreitet und mit Leben gefüllt.

Inzwischen findet das Modell der Charakterstärken in verschiedensten Kontexten Anwendung, von Coaching & Therapie, über Trainings, Organisations- und Personalentwicklung. Psychologie bis hin zu persönlicher Weiterentwicklung. Seligman und seine Kollegen teilten die 24 Stärken damals in sechs Tugenden, die eine höhere Ordnung der Stärken darstellen, empirisch jedoch umstritten sind. Deshalb liegt der Fokus dieses Modells auf den 24 Stärken.

Kognitive Stärken – Tugend Weisheit & Wissen

Stärken, die mit dem Gebrauch, Erwerb und der Einstellung zu Wissen zusammenhängen

Kreativität

Dinge auf originelle und produktive Art und Weise entwickeln oder angehen, Probleme auf neue oder ungewöhnliche Art und Weise lösen, schließt künstlerische Leistungen mit ein, geht aber darüber hinaus

Neugier / Offenheit

Neue Erfahrungen sammeln, Faszination für verschiedene Themen, Bereitschaft dafür auch Risiken einzugehen

Urteilsvermögen / kritisches Denken

Dinge durchdenken und von allen Seiten betrachten, unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven erkennen und einnehmen, genaues Abwägen und Fähigkeit zum Meinungswechsel

Liebe zum Lernen

Bedürfnis danach sein Wissen zu erweitern und Neues zu lernen, neue Fähigkeiten, Themen und Fachgebiete erschließen und durchdringen

Weisheit

Vorausdenken, Weitsichtig denken, guten Rat geben können, die Dinge aus einem größeren Blickwinkel betrachten

Emotionale Stärken – Tugend Mut

Stärken, die den Umgang mit den eigenen Emotionen beeinflussen

Tapferkeit / Mut

Angst überwinden können und aktiv werden, vor Bedrohung nicht zurückweichen, sich Schwierigkeiten oder Schmerz stellen, aus Überzeugung handeln und moralischen oder psychischen Mut beweisen

Ausdauer

zu Ende führen, was begonnen wurde, trotz Schwierigkeiten oder Hindernissen nicht aufgeben, Freude an der Vollendung von Aufgaben haben

Authentizität / Aufrichtigkeit / Ehrlichkeit

zu sich selbst, seinen Werten und Überzeugungen stehen, die Wahrheit sagen, aufrichtig handeln und sich echt zeigen, ohne etwas vorzutäuschen

Enthusiasmus / Begeisterungsfähigkeit

sich für viele Dinge begeistern können, andere mit der eigenen Begeisterung anstecken, lebendig, aktiv und energiegeladen sein und das Leben wie ein Abenteuer leben, Dinge aus vollem Herzen angehen

Soziale Stärken – Tugend Menschlichkeit

Stärken, die den Umgang mit anderen Menschen und Beziehungen prägen

Bindungsfähigkeit / Liebe

tief und verbindlich lieben können, Liebe annehmen können, Wert auf enge Beziehungen legen, die ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen beinhalten

Freundlichkeit

positive Einstellung gegenüber anderen haben, sich freundlich und großzügig verhalten, sich um das Wohlergehen anderer Menschen sorgen und kümmern, Freude daran, für andere zu sorgen und ihnen zu helfen

Soziale Intelligenz / Empathie

sich in andere hineinversetzen können, die eigenen Emotionen und Bedürfnisse sowie die anderer wahrnehmen können, sich in verschiedene soziale Situationen problemlos einfügen können

Gemeinschaftsorientierte Stärken – Tugend Gerechtigkeit

Stärken, die das Gemeinwohl und Miteinander fördern

Teamwork

Bereitschaft eigene Bedürfnisse zurückzustellen und als Mitglied die Gruppe voranzubringen, loyal sein und seinen Beitrag leisten

Führungsvermögen

Gruppen motivieren und anleiten können, eine konstruktive Arbeitsatmosphäre schaffen, gute Beziehungen innerhalb von Gemeinschaften fördern

Fairness / Gerechtigkeit

Menschen als gleichwertig und gleichberechtigt ansehen und entsprechend behandeln, jedem eine Chance geben und sich nicht durch persönliche Gefühle beeinflussen lassen

Schützende Stärken – Tugend Mäßgigung

Stärken, die für Balance und Ausgeglichenheit sorgen

Vergebungsbereitschaft

innerlich verzeihen können, eine neue Chance geben, nicht rachsüchtig sein und die Fehler anderer akzeptieren können

Bescheidenheit

die eigenen Fähigkeiten zwar gut einschätzen können, aber seine Leistung für sich selbst sprechen lassen, sich nicht in den Mittelpunkt stellen, sich selbst nicht als besonders oder einzigartiger betrachten

Vorsicht / Umsicht

Entscheidungen sorgfältig treffen, keine unnötigen Risiken eingehen, nichts sagen oder tun, was man bereuen könnte

Selbstregulation

die eigenen Gefühle steuern und regulieren können, diszipliniert sein, seine Begierden kontrollieren können

Sprituelle Stärken – Tugend Transzendenz

Stärken, die die Haltung gegenüber dem Leben prägen

Sinn für das Schöne

Schönheit, Exzellenz und Leistung erkennen und würdigen, Ehrfurcht empfinden, in Angesicht von Schönheit und Größe

Dankbarkeit

sich der guten Dinge im Leben bewusst sein, diese zu schätzen wissen, Dankbarkeit zum Ausdruck bringen

Hoffnung

eine positive Zukunft erwarten und sich aktiv dafür einsetzen, diese zu erreichen, Vertrauen in die eigene Zielerreichung und Glaube an die eigene Wirksamkeit

Humor / Leichtigkeit

das Leben spielerisch angehen, den Witz im Leben sehen, schwierige Situationen mit Witz und Leichtigkeit entspannen können, das Leben auf die leichte Schulter nehmen, andere zum Lachen bringen können

Spiritualität

universeller Glaube an ein übergeordnetes, größeres Ganzes, Vorstellung von einem tieferen Sinn und einem höheren Zweck

Dies sind die 24 Charakterstärken der Positiven Psychologie. Vielleicht konntest du dich beim Lesen bereits in der ein oder anderen wiederfinden oder die Beschreibung der Stärken hat dich an einen anderen Menschen erinnert. Sich seiner eigenen Stärken bewusst zu sein und auch die Stärken anderer zu erkennen, bringt eine neue Qualität und mehr Glücks ins Leben. Deshalb möchte ich dich ermuntern, deine Stärken kennenzulernen. Dies geht beispielsweise über den kostenlosen Stärkentest.

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Reflexion

Wenn du dir die 24 Stärken noch einmal anschaust, welche resonieren besonders mit dir?
Mit welchen kannst du dich gut identifzieren?

Welche der Stärken setzt du bereits regelmäßig ein?
Welche würdest du gerne häufiger nutzen?

Auch wenn das Modell der Charakterstärken eine recht umfassende Darstellung verschiedener menschlicher Stärken ist, erhebt es keinen Anspruch auf Vollständigkeit. In der praktischen Anwendung sind die 24 Charakterstärken sehr wertvoll, um Menschen an das Thema Stärken heranzuführen, ein Stärkenvokabular aufzubauen und über dieses Thema miteinander sprechen zu können. Trotzdem kann es natürlich weitere Stärken oder andere Nuancen geben. Mit den 24 Stärken ist es ein bisschen wie mit einem Klavier. Ein Klavier hat nur eine begrenzte Anzahl an Tasten, die Stärken, es kann jedoch unendlich viele Melodien spielen. Genauso verbinden sich die verschiedenen Stärken in unterschiedlichen Ausprägungen in jedem Menschen zu einer einzigartigen Stärkenkombination.

Unsere Stärken machen uns als Menschen aus. Seine Stärken zu kennen und zu nutzen, macht glücklicher und leistungsfähiger. Und die Positive Psychologie hilft genau dabei: Menschen ihre Stärken erkennen zu lassen und sie dazu zu inspirieren diese einzusetzen. Wenn du auch mit deinen Stärken arbeiten möchtest, schenkt dir die Positive Psychologie viele wirksame Übungen.

Ich wünsche dir mehr Bewusstheit deiner Stärken!
Deine Alexandra

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Übungen passend zum Thema

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Alexandra Loeffner - Positive Psychologie

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