Was denkst du über die Welt?

von | 17.02.2022 | Glücksimpuls, Positives Mindset

Ist die Welt für dich schön und verlockend oder ein trister, langweiliger Ort? Fühlst du dich sicher und hast das Gefühl, dass die Welt stabil ist oder erscheint dir die Welt instabil und gefährlich? Wie auch immer deine Antwort ist, sie hat mehr damit zu tun, was du über die Welt denkst, als damit, wie die Welt wirklich ist.
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Gedankenexperiment

Vervollständige den Satz: „Die Welt ist…“.
Was fällt dir ganz spontan ein? Was noch? Und was noch?

Wenn du einige Ergänzungen gefunden hast, betrachte deine Antworten.
Welches Thema ist in deinen Ergänzungen enthalten?
Mit welchem Wort könnte man deine Beschreibungen zusammenfassen?

Bereits in der Antike machten sich Philosophen Gedanken über die Eigenschaften der Welt. Manche betrachteten die Welt als schön, andere sahen die wesentliche Eigenschaft der Welt in der Veränderung. Wieder andere beschrieben das Universum als willkürlich oder als absichtsvoll.

„Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung.“
Heraklit

Schon damals existierten sehr unterschiedliche Meinungen darüber, wie die Welt ist. Einige Jahrtausende später wurden diese Gedanken in der Psychologie wieder aufgegriffen. Psychologen versuchten allerdings weniger zu ergründen, wie die Welt ist, sondern herauszufinden, was Menschen denken – über sich, ihr Leben und die Welt. Denn es zeigte sich, dass die Überzeugungen von Menschen über ihr Selbst, die Zukunft des Selbst und die Umwelt des Selbst großen Einfluss auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit haben. Diesen Ansatz nahm Aaron Beck in den 60er Jahren in seine kognitive Verhaltenstherapie auf und konnte durch die Veränderung dieser Überzeugungen die Lebensqualität der Menschen verbessern.

Während in der Psychologie in den letzten Jahrzehnten Selbstüberzeugungen vielfach untersucht wurden, wurde den Umweltüberzeugungen kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei macht es einen großen Unterscheid, ob wir die Welt für sicher oder unsicher, schön oder hässlich, interessant oder langweilig halten. Diese grundlegenden Überzeugungen über die Welt, auch Primals genannt, beeinflussen unser Verhalten und Befinden. Unsere Eigenschaften haben weniger damit zu tun, wer wir sind, sondern vielmehr damit, was wir über die Welt glauben. Sehen wir die Welt als negativen Ort, ist ein Pessimist realistisch und ein Optimist naiv. Wenn wir glauben, in einer gefährlichen Welt zu leben, werden wir neurotischer sein, als in einer sicheren Welt. Ist die Welt für uns ein faszinierender Ort, werden wir vermutlich neugieriger sein. Auch wie wir uns verhalten oder Erlebnisse interpretieren und empfinden, wird von unseren Primals geprägt. Wenn wir die Welt als einen Ort ansehen, der sich verschlechtert, werden wir Veränderungen ablehnen und Angst vor dem Klimawandel haben. Ist die Welt für uns hingegen ein Ort, der sich in eine positive Richtung entwickelt, werden wir uns politisch engagieren und versuchen den Klimawandel aufzuhalten. Unser Mindset hat also einen entscheidenden Einfluss auf uns, unser Leben und unser Wohlbefinden.

„Wir beschreiben nicht die Welt, die wir sehen. Wir sehen die Welt, die wir beschreiben können.“
René Descartes

Die 3 Primals

Wenn Primals so einen großen Einfluss auf unser Leben haben, stellt sich die Frage, welche Primals Menschen haben können. Und genau dieser Frage sind auch Martin Seligman und Kollegen in einer groß angelegten Untersuchung1 von 2019 nachgegangen. Dafür analysierten sie verschiedenste Quellen, um mögliche Primals herauszufiltern. Sie nutzten dafür die einflussreichsten historischen Quellen wie beispielsweise religiöse Texte, Romane, Filme, Reden und Abhandlungen sowie Tweets, Experteninterviews und Fokusgruppen. Das Ergebnis dieser umfangreichen Analysen waren 38 Primals, die in 25 Primals zusammengefasst wurden. Anschließend wurden die 25 Primals in verschiedenen Studien getestet und untersucht. Aus den Studien lernen wir:

  • Primals sind die Antwort auf die Frage: „Was für eine Welt ist das?“.
  • Primals bewegen sich auf einem Kontinuum mit zwei Polen.
  • Primals wirken unterbewusst, lenken unsere Aufmerksamkeit und beeinflussen unsere Wahrnehmung.
  • Primals hängen zusammen mit unseren Persönlichkeitseigenschaften und unserem Wohlbefinden.
  • Primals sind im Laufe der Zeit sehr stabil und verändern sich kaum.
  • Primals sind individuell und unterscheiden sich von Mensch zu Mensch.

Schauen wir uns jetzt die einzelnen Primals im Detail an. Ein Großteil der 25 Primals, die Seligman und Kollegen herausgefiltert haben, lassen sich drei großen Themen zuordnen: sicher (bzw. unsicher), verlockend (bzw. reizlos) und lebendig (bzw. leblos). Da jedes Primal immer ein Kontinuum mit zwei Polen bildet, sind Menschen entweder von der einen oder von der anderen Ausprägung überzeugt oder sie bewegen sich zwischen diesen zwei Polen.

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Gedankenexperiment

Stell dir eine Skala von 0 bis 10 vor oder zeichne dir eine auf.
Ein Ende steht für „Die Welt ist sicher“, das andere für „Die Welt ist unsicher“. Wo würdest du dich verorten?
Wo würdest du dich auf der Skala von „Die Welt ist verlockend“ bis „Die Welt ist reizlos“ verorten?
Wo würdest du dich auf der Skala von „Die Welt ist lebendig“ bis „Die Welt ist leblos“ verorten?

Die Welt ist sicher

Menschen, die die Welt als sicher empfinden, leben in einer Welt, die geprägt ist von Zusammenarbeit, Wohlstand, Stabilität und geringer Bedrohung. Sie sind entspannt, sehen Risiken nicht als riskant und empfinden die Menschen auf der anderen Seite des Spektrums als neurotisch. Menschen, die die Grundüberzeugung haben, dass die Welt unsicher ist, erleben eine Welt voll Elend, Verfall, Mangel, Brutalität und Gefahren. Sie sind in ständiger Alarmbereitschaft und betrachten die anderen als unverantwortlich. Dem Primal sicher lassen sich weitere Primals unterordnen:

  • angenehm vs. elendig (Die Welt ist voll Vergnügen vs. Die Welt ist voller Schmerz und Elend)
  • regenerativ vs. degenerativ (Die meisten Dinge und Situationen werden grundsätzlich besser vs. Die meisten Dinge und Situationen haben die Tendenz schlechter zu werden, nicht besser)
  • fortschrittlich vs. rückschrittlich (Die Welt entwickelt sich in eine positive Richtung vs. Die Welt wird immer schlechter)
  • ungefährlich vs. gefährlich (Die Welt ist ein sicherer Ort vs. Die Welt ist ein gefährlicher Ort)
  • kooperativ vs. kompetitiv (Das Leben basiert auf Vertrauen und Zusammenarbeit vs. Das Leben ist ein Wettbewerb, in dem nur die Stärksten überleben)
  • stabil vs. instabil (Die meisten Dinge und Situationen sind stabil und es braucht viel, um sie zu zerstören vs. Die meisten Dinge und Situationen sind instabil und leicht zu zerstören)
  • gerecht vs. ungerecht (Die Welt ist ein Ort, wo jeder bekommt, was er verdient vs. Die Welt ist ein Ort, wo man selten bekommt, was man verdient)

Die Welt ist verlockend

Menschen, die die Welt als verlockend sehen, leben in einer unwiderstehlichen, faszinierenden Welt. Eine Welt, auf der man hinter jeder Ecke Schätze entdecken kann und das Leben ein Geschenk ist. Ihnen ist nie langweilig und ihre Haltung ist geprägt von Neugier und Wertschätzung. Auf der anderen Seite des Spektrums erleben die Menschen die Welt als langweilig, hässlich und reizlos. Schönes und Faszinierendes finden sie selten und sie erleben nur wenige Gelegenheiten, sich an etwas zu erfreuen. Diesem Primal lassen sich folgende Primals zuordnen:

  • interessant vs. langweilig (Die Welt ist voll interessanter Dinge vs. Die Welt besteht hauptsächlich aus langweiligen Dingen)
  • schön vs. hässlich (Schönheit findet sich überall auf der Welt vs. Es gibt mehr Hässlichkeit auf der Welt als Schönheit)
  • vielfältig vs. öde (Das Leben ist voller Möglichkeiten und Überfluss vs. Die Welt ist ein karger Ort mit wenig Möglichkeiten)
  • erkundenswert vs. nicht erkundenswert (Es lohnt sich, alles zu erforschen und auszuprobieren vs. Die meisten Dinge sind es nicht wert, erforscht zu werden)
  • sinnvoll vs. sinnlos (Die Welt ist ein Ort, an dem fast alles von Bedeutung ist vs. Die meisten Dinge sind bedeutungslos)
  • verbesserungsfähig vs. schwer zu verbessern (Es ist möglich, alles zu verbessern vs. Meistens ist es unmöglich, etwas zu verbessern)
  • komisch vs. nicht komisch (Die Welt ist urkomisch und Humor ist überall vs. Die meiste Zeit ist die Welt nicht lustig)

Die Welt ist lebendig

Menschen, die der Überzeugung sind, dass die Welt lebendig ist, spüren, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht und erleben eine Verbindung zum Universum, das kommuniziert und agiert. Für sie ist das Leben eine Beziehung zum Universum und sie versuchen die Bedeutung von Geschehnissen zu ergründen. Menschen, die die Welt als weniger lebendig ansehen, leben in einer unbelebten, mechanischen Welt, ohne Bewusstsein oder Absicht. Da sie das Universum als unbelebt ansehen, empfinden sie keine Verbindung zu etwas Höherem und glauben nicht an Schicksal. Diesem Primal lassen sich folgende Primals unterordnen:

  • absichtsvoll vs. absichtslos (Alles geschieht aus einem bestimmten Grund und zu einem bestimmten Zweck vs. Ereignisse haben keinen kosmischen oder höheren Zweck)
  • braucht mich vs. braucht mich nicht (Die Welt braucht mich und meine Bemühungen für etwas Wichtiges vs. Für die Welt spiele ich keine Rolle)
  • hat mit mir zu tun vs. hat nichts mit mir zu tun (Was um mich herum geschieht, hat mit mir zu tun vs. Dinge passieren nicht wegen mir)
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Reflexion

Nimm dir kurz einen Augenblick Zeit für eine Reflexion.
Bei welchen der Beschreibungen konntest du innerlich zustimmen? Wo hast du dich und deine Gedanken wiedererkannt? Welche Primals haben mit dir resoniert?

Wie würdest du deine Grundüberzeugungen über die Welt jetzt beschreiben?

Tipp: Auf www.authentichappiness.sas.upenn.edu ist der Primals-Fragebogen auf englisch kostenlos verfügbar.

Ist die Welt gut oder schlecht?

All die Primals, die du jetzt kennengelernt hast, zahlen auf eine Grundüberzeugung ein: Die Welt ist gut oder Die Welt ist schlecht. Wer die Welt als sicher, verlockend und lebendig empfindet, wird die tiefe Überzeugung in sich tragen, dass die Welt ein guter Ort ist. Wer jedoch glaubt, dass die Welt unsicher, reizlos und leblos ist, wird der Überzeugung sein, dass die Welt ein schlechter Ort ist. Und diese grundlegenden Glaubenssätze scheinen einen großen Einfluss auf das Verhalten, die Eigenschaften und das Befinden von Menschen zu haben. Tatsächlich konnten die Primals beispielsweise Lebenszufriedenheit, Dankbarkeit, Wachstumsorientierung und zwischenmenschliches Vertrauen besser vorhersagen als die Big 5 Persönlichkeitseigenschaften. All diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Primals etwas sind, das tief im Menschen verankert ist und nur wenig damit zu tun hat, wie die Welt wirklich ist.

Primals - Glaubenssätze über die Welt

Noch kann man keine Aussagen darüber treffen, inwiefern Primals veränderbar sind. Wir wissen nicht, wie sich Primals entwickeln, ob sie genetisch beeinflusst oder durch Erfahrungen gelernt werden. Ob die Veränderung von Primals Menschen bei psychischen Problemen helfen kann oder das Wohlbefinden steigern kann, sind ebenfalls offene Fragen. Was wir jedoch wissen, ist, dass die Überzeugung darüber, in welcher Welt wir leben, einen großen Einfluss auf unser Verhalten, unser Wohlbefinden und unser Leben haben – vielleicht sogar mehr, als unsere Persönlichkeit.

Ich wünsche dir eine positive Sicht auf die Welt!
Deine Alexandra

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Übungen für ein positives Mindset

Quellen

  1. Clifton, J. D. et al. (2019). Primal world beliefs. Psychological Assessment, 31(1), 82-99.

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Alexandra Loeffner - Positive Psychologie

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