Resilienz – Das Immunsystem der Psyche

von | 13.08.2022 | Resilienz

Unser Leben besteht aus Höhen und Tiefen. In den schönen Zeiten glücklich zu sein ist eine wichtige Fähigkeit. Doch genauso wichtig ist es, mit den Tiefen des Lebens umgehen zu können. Jeder erlebt Misserfolge, Rückschläge, Verluste oder Einschränkungen in seinem Leben, die zu meistern sind. Besonders in Zeiten wie diesen, geprägt durch Pandemie, Krieg und Inflation wird die Belastbarkeit jedes Einzelnen zunehmend gefordert. Der Begriff Resilienz ist in aller Munde, Resilienztrainings sind gefragt wie nie zuvor und doch kursiert oftmals immer noch ein falsches Verständnis von Resilienz. Ein Verständnis, das Menschen abverlangt, immer resilient sein zu müssen und die Erwartungshaltung weckt, dass man an Schwierigkeiten gefälligst wachsen sollte. Warum Menschen nicht per se resilient sind und wieso Resilienz nicht gleich Wachstum bedeutet, verrate ich dir in diesem Artikel.

Was ist Resilienz?

Der Begriff Resilienz leitet sich aus dem lateinischen „resilire“ ab, was so viel bedeutet wie zurückspringen oder abprallen. Ursprünglich wurde er in der Werkstoffkunde für flexible Materialien verwendet, die immer wieder in ihre Ursprungsform zurückkehren. In der Psychologie bezeichnet Resilienz die innere Stärke und Widerstandsfähigkeit eines Menschen, die dazu beiträgt schwere Krisen ohne anhaltende Beeinträchtigungen zu durchleben. In dieser Definition stecken drei wichtige Aspekte:

  • Resilienz als eine Art innere Eigenschaft,
  • das Auftauchen einer Krise, auf die der Mensch reagiert
  • sowie der Prozess bzw. die Reaktion, der Resilienz ausmacht.

Insbesondere während der Anfänge der Resilienzforschung wurde Resilienz als stabile Persönlichkeitseigenschaft betrachtet. Dieses Verständnis ist inzwischen überholt. Resilienz ist ein dynamischer Prozess, der den Einflüssen vieler verschiedener Wirkfaktoren unterliegt. Menschen sind nicht immer und in jeder Situation resilient oder nicht resilient.

Auch die Krisen, die unsere Widerstandsfähigkeit fordern, sind sehr vielfältig und können individuell variieren. Was einer als Krise erlebt, ist für den anderen lediglich eine kleine Herausforderung. Solche Krisen, in der Psychologie auch Stressoren genannt, können unterschiedliche Ausmaße annehmen. Alltagsstressoren sind bspw. Konflikte im Arbeitsleben oder der Partnerschaft, Armut, eine chronische Erkrankung oder ein Pflegefall in der Familie. Auch kritische Lebensereignisse wie eine Kündigung, der Tod eines geliebten Menschen, der Auszug des Kindes oder eine Trennung können Stressoren sein. In der Regel am belastendsten sind traumatische Ereignisse wie ein schwerer Unfall, Missbrauch, das Erleben von Gewalt, Krieg oder auch Naturkatastrophen. Auch wenn in der Psychologie diese drei Arten unterschieden werden, werden Stressoren immer subjektiv empfunden und der Grad der Belastung ist nicht objektiv einschätzbar oder vorhersehbar. Eine Überschwemmung, die das eigene Zuhause zerstört, ist ein traumatisches Ereignis. Trotzdem kann eine Kündigung als wesentlich belastender erlebt werden. Meist empfinden wir Stressoren als weniger belastend,

  • die vorhersehbar sind (z.B. der Tod eines erkrankten Verwandten vs. der plötzliche Tod des Partners),
  • die wir in einem gewissen Rahmen kontrollieren können (z.B. Arbeitslosigkeit vs. eine Krankheit),
  • dessen Dauer oder Bedeutung für unser Leben wir einschätzen können (z.B. eine vorübergehende Arbeitslosigkeit vs. eine plötzliche Kündigung)
  • die nicht von Menschen verursacht wurden (z.B. eine Naturkatastrophe vs. eine Gewalttat).

Das, was Resilienz ausmacht, ist also unsere Reaktion auf Krisen. Von Resilienz sprechen wir, wenn wir auch nach einer Krise weitgehend unbeeinträchtigt unser Leben weiterleben und unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit nur unwesentlich vermindert sind. Gleichzeitig ist es nicht möglich zu sagen, ab welcher Intensität und Dauer einer Beeinträchtigung eine Reaktion nicht mehr resilient ist. Schließlich ist es ganz natürlich auf den Tod des Partners anders zu reagieren als auf die Kündigung der Wohnung.

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Gedankenexperiment

Welche Krisen hast du in deinem Leben erlebt? Wie hast du jeweils reagiert und wie haben sich deine Reaktionen unterschieden?

Warum Resilienz nicht Wachstum ist

Es gibt mehrere Reaktionsmöglichkeiten auf Krisen, die oftmals miteinander verwechselt oder in einen Topf geschmissen werden. Wir unterscheiden: Resilienz, Erholung, anhaltende psychische Belastung oder Posttraumatisches Wachstum.

Resilienz & Posttraumatisches Wachstum

Was Resilienz bedeutet, haben wir schon geklärt. Bei einer resilienten Reaktion werden das Wohlbefinden und die Funktionsfähigkeit nicht oder nur sehr gering bzw. kurzzeitig beeinträchtigt. Reagieren Menschen nicht resilient, gibt es immer eine mindestens vorübergehende Beeinträchtigung von Wohlbefinden und Funktionsfähigkeit. Entweder erholen sie sich davon nach einer gewissen Zeit, sodass sie wieder auf ihr ursprüngliches Niveau zurückkehren oder sie leiden unter anhaltenden psychischen Beeinträchtigungen wie z.B. einer posttraumatischen Belastungsstörung oder einer Depression. Ihr Wohlbefinden und ihre Leistungsfähigkeit sind also anhaltend und stark beeinträchtigt. Die vierte Variante ist das posttraumatische Wachstum, das manchmal fälschlicherweise mit Resilienz verwechselt wird. Auch beim posttraumatischen Wachstum fallen Menschen erst einmal in ein Loch. Nach einer gewissen Zeit erholen sie sich jedoch wieder und schaffen es sogar anschließend auf ein höheres Level von Wohlbefinden und Funktionsfähigkeit zu klettern. Dieses Wachstum ist jedoch nur möglich, weil sie den Abgrund erlebt haben, aus dem tiefen Loch geklettert sind und Entwicklungsprozesse durchlaufen haben. Bei Resilienz werden das Leben und die Glaubenssysteme von Menschen kaum erschüttert werden und deshalb auch keine tiefgreifenden Entwicklungsprozesse angestoßen.

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Gedankenexperiment

Wann hast du in deinem Leben Resilienz erlebt?
Von welcher Krise hast du dich erholt?
An welcher Krise bist du gewachsen?
Welche Krise hat dich langfristig und einschneidend belastet?

Für Resilienz werden verschiedene Sinnbilder verwendet. Das sind beispielsweise der Bambus, der sich biegt und wieder in seine ursprüngliche Form zurückschnellt, das Stehaufmännchen, das immer wieder aufsteht, der Fels in der Brandung, der auch dem stärksten Sturm trotzt – oder, meine persönliche Lieblingsmetapher, das Immunsystem der Psyche.

Genauso vielfältig wie die Metaphern für Resilienz sind, so unterschiedlich sind auch die Definitionen für Resilienz. Bisher gibt es weder in der wissenschaftlichen Forschung noch im Alltagsgebrauch ein einheitliches Verständnis von Resilienz. Unter anderem ist dies darauf zurückzuführen, dass der Resilienzbegriff und das Verständnis von Resilienz sich im Zeitverlauf verändert haben. Deshalb lohnt es sich einen kurzen Blick auf die Geschichte der Resilienzforschung zu werfen.

Die Geschichte der Resilienzforschung

Resilienz als Persönlichkeitsmerkmal

Die Resilienzforschung begann 1955 mit der Kauai-Studie. Auf der hawaiianischen Insel Kauai lebten damals viele Familien in schlechten Verhältnissen. Das Aufwachsen der Kinder war geprägt von Armut, psychischen Problemen der Eltern oder vielen innerfamiliären Konflikten. Emmy Werner beobachtete damals, dass einige Kinder aus diesen Verhältnissen später ein ähnliches Leben führten wie ihre Eltern. Dass einige Kinder es jedoch schafften, trotz ihrer schwierigen Kindheit, ein glückliches und erfolgreiches Leben zu führen. Sie fragte sich, welche Faktoren dazu beitrugen, dass diese Kinder sich trotz der Risikofaktoren in ihrem Umfeld positiv entwickelten.

Mit ihrer Studie war sie eine der ersten, die Resilienz als Persönlichkeitsmerkmal in Form von Widerstandskraft in einer umfangreichen Längsschnittstudie untersuchte. Im Rahmen ihrer Studie wurden knapp 700 Kinder auf der Insel über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren beobachtet und befragt. Und die Ergebnisse waren sehr aufschlussreich. Sie fand heraus, dass ca. ein Drittel der Kinder resilient war und später glückliche Beziehungen führten, eine Arbeit hatten, die sie mochten und optimistisch durchs Leben gingen. Dies waren die Personen, die in ihrer Kindheit über eine gut entwickelte Selbstständigkeit sowie eine hohe Problemlösefähigkeit verfügten, wenigstens eine stabile Beziehung zu einer fürsorglichen Bezugsperson wie z.B. Lehrern oder Nachbarn hatten und in soziale Unterstützungssysteme eingebunden waren wie z.B. der Kirche oder Jugendgruppen.

Ein weiteres sehr bekanntes Modell ist die Salutogenese nach Antonovsky. Antonovsky versuchte mit seinem Modell die Frage zu beantworten, wie Menschen trotz vieler potentiell gesundheitsgefährdender Einflüsse gesund bleiben. Damit bezog sich die Resilienzforschung nun nicht mehr nur auf die gute Entwicklung von Kindern, sondern auf Merkmale von Erwachsenen, die dazu beitragen, dass sie trotz extremer Belastungen nicht krank werden. Das Konzept von Antonovsky ist in seiner Gesamtheit so komplex, dass es empirisch nicht überprüft werden kann. Es dient jedoch nach wie vor als Grundlage vieler Präventionsprogramme und Resilienztrainings. Ein zentrales Element des Konzepts der Salutogenese ist der Kohärenzsinn, der wiederum durch drei Elemente bestimmt wird:

  • Verstehbarkeit (die Welt wird als verständlich, stimmig und geordnet erlebt und auch Probleme stehen in einem größeren Zusammenhang),
  • Handhabbarkeit (die Herausforderungen des Lebens werden als lösbar erlebt und es können notwendige Ressourcen zur Lösung von Problemen aktiviert werden),
  • Sinnhaftigkeit (es lohnt sich Engagement und Anstrengung in die Herausforderungen zu investieren, da es ein übergeordnetes Ziel gibt bzw. das Leben als sinnvoll empfunden wird).

Resilienz als trainierbare Fähigkeit

Im weiteren Verlauf entwickelte sich das Verständnis von Resilienz zu einer trainierbaren Fähigkeit, die man verbessern kann und die dafür sorgt, dass Menschen auf Belastungen grundsätzlich resilienter reagieren. In Resilienztrainings wurden beispielsweise verschiedene Copingstrategien gelehrt oder es wurden Persönlichkeitseigenschaften trainiert, die als Faktor für Resilienz galten. Ein Mensch galt in diesem Verständnis als resilient oder nicht resilient und war in der Lage an seiner Resilienz zu arbeiten.

Resilienz als dynamischer, lebenslanger Prozess

Inzwischen wird Resilienz als dynamischer, lebenslanger Prozess zwischen Individuum und Umwelt betrachtet. Hier geht es nicht mehr darum, ob ein Mensch resilient ist oder nicht. Vielmehr wird die Resilienz eines Menschen durch verschiedene Faktoren und Umstände beeinflusst. Du kennst das sicher auch, in Phasen in deinem Leben, wo es dir nicht so gut geht, kannst du plötzlich auch mit kleinen Schwierigkeiten nicht mehr umgehen. Die Auseinandersetzung mit einem Kollegen hätte dich normalerweise nicht belastet, doch weil du auch noch Streit mit deinem Partner hast, beeinträchtigt es diesmal deine Leistungsfähigkeit. Oder vielleicht reagierst du besonders stark auf soziale Krisen, während du dich intellektuellen Herausforderungen stellst und diese meisterst. Du siehst, ob wir auf einen Stressor resilient reagieren, hängt u.a. vom Stressor, der Situation, in der wir uns befinden, unserem Zustand und vielen anderen äußeren Einflüssen ab.

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Reflexion

Welches Verständnis von Resilienz hast du jetzt?
Wie würdest du deine eigene Resilienz einschätzen?
Was kannst du dafür tun, deine Resilienz zu pflegen?

Erinnern wir uns noch einmal an die Metapher vom Immunsystem. Wir können dafür sorgen, dass wir ein gutes Immunsystem haben. Doch das garantiert trotzdem nicht, dass wir nie krank werden. Je nachdem, mit was wir uns anstecken und wie unser gesundheitlicher Zustand momentan ist, können unsere Symptome von symptomfrei, einer leichten Erkältung bis zu einer ausgewachsenen Grippe reichen. Und genauso verhält es sich auch mit unserer Resilienz. Wir können unsere Resilienz pflegen und trotzdem ist das keine Garantie. Kein Mensch ist in der Lage immer und in jeder Situation resilient zu reagieren. Auch Resilienztrainings können das nicht leisten. Und vielleicht ist es auch nicht immer angemessen, resilient zu reagieren. Wenn etwas passiert, das für dich persönlich extrem belastend ist, dann darfst du dir zugestehen, dass du darunter leidest, dass es dir für eine Weile nicht gut geht. Würden wir immer resilient reagieren, würden wir uns damit auch ein Stück weit die Chance nehmen, an Krisen zu wachsen und aus ihnen zu lernen. So schwer Schicksalsschläge manchmal sein mögen, oftmals ermöglichen sie uns, danach ein erfüllteres Leben zu führen, das uns wirklich entspricht.

Ich wünsche dir die Kraft, Herausforderungen zu bewältigen!
Deine Alexandra

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Übungen für mehr Resilienz

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Alexandra Loeffner - Positive Psychologie

Hallo, ich bin Alexandra!

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