Macht Geld glücklich?

von | 11.08.2021 | Glück, Glücksimpuls

Seit Jahrzehnten steigt der Wohlstand und das Pro-Kopf-Einkommen, doch das Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit ziehen nicht mit. Obwohl viele Leute danach streben mehr Geld zu verdienen, scheint mehr Geld nicht automatisch auch glücklicher zu machen – das verrät uns die Forschung. Vielleicht regt sich in dir jetzt Widerstand und das könnte ich gut verstehen. Vielleicht ist es nicht die kleine Gehaltserhöhung, die uns glücklicher macht. Doch nach einem großen Lottogewinn, wie könnte man da nicht glücklicher sein? Tatsächlich wissen wir aus Studien, dass auch Lottogewinner nur für einen überschaubaren Zeitraum glücklicher sind und der Lottogewinnn nach ein paar Monaten oder Jahren keinen Unterschied mehr macht. Schauen wir uns dieses Phänomen einmal genauer an!

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Gedankenexperiment

Denk einmal an deine Ausbildungs- oder Studienzeit zurück, als du angefangen hast dein erstes eigenes Geld zu verdienen. Wieviel Geld hattest du damals monatlich zur Verfügung? Und wie glücklich warst du?

Vergleich diese Phase deines Lebens mit einer Phase, in der du deutlich mehr Geld zur Verfügung hattest. Wieviel mehr Geld hattest du in dieser Zeit? Und wie glücklich warst du?

Wie fällt der Vergleich bei dir aus?

Natürlich hängt dein Wohlbefinden auch von vielen anderen Faktoren ab, die diese Phasen deines Lebens unterscheiden. Aber viele Menschen berichten, dass sie keinen großen Unterschied in ihrer Zufriedenheit zwischen diesen Phasen ausmachen können – obwohl es einen großen Unterschied in ihrer finanziellen Situation gibt.

Von Lottogewinnern und Querschnittsgelähmten

Seit Jahrzehnten stellen sich Forscher die Frage, ob Geld glücklich macht und es gibt inzwischen unzählige Studien zu diesem Thema. Ich möchte dir nicht alle Ergebnisse im Detail vorstellen, sondern nur auf einige prägnante Ergebnisse hinweisen. Bereits 1974 veröffentlichte Richard Easterlin, ein Ökonom, einen Aufsatz über den Zusammenhang zwischen Einkommen und Glück. In einer Metastudie1 stellte er fest, dass das Einkommen in der Zeit von 1946 bsi 1970 zwar gestiegen war, es hatte sich sogar verdoppelt, das subjektive Glück sich jedoch kaum verändert hatte. Er wiederholte seine Studie in den folgenden Jahren immer wieder, doch das Ergebnis blieb gleich: Mehr Geld führt nicht zu mehr Glück.

Easterlins These bestätigt auch eine populäre Studie, die inzwischen tausendfach zitiert wurde. Wärst du glücklicher, wenn du den Jackpot im Lotto gewonnen hättest? Vermutlich Ja. Und wärst du unglücklicher, wenn du nach einem Unfall querschnittsgelähmt wärst und im Rollstuhl sitzen würdest? Wahrscheinlich Ja. Genau diese Fragen untersuchten Brickman und Kollegen 1978 in ihrer berühmten Studie2. Dazu befragten sie Lottogewinner, Querschnittsgelähmte und eine neutrale Kontrollgruppe zu mehreren Zeitpunkten nach ihrem subjektiven Glück. Erstaunlicherweise waren die Unterschiede im Glücksempfinden der Lottogewinner nach ihrem Gewinn und der Querschnittsgelähmten nach ihrem Unfall nur minimal. Die Unfallopfer waren nur gerinfügig unglücklicher, als die Lottogewinner, trotz ihres unterschiedlichen Schicksals. Die Studie zeigt außerdem zwei Erklärungsansätze für dieses Phänomen. Die Lottogewinner hatten wesentlich weniger Freude an alltäglichen Aktivitäten und verringerten dadurch anscheinend ihr Glücksniveau. Die Unfallopfer beschönigten ihr Glücksniveau vor dem Unfall und fanden nach dem Unfall mehr Freude an ihren Alltagsaktivitäten. Hier wird die Macht der Gewöhnung deutlich, in der Psychologie wird dieses Phänomen auch hedonische Anpassung genannt. Menschen gewöhnen sich über kurz oder lang an die meisten Ereignisse und Veränderungen und kehren wieder auf ihr ursprüngliches Glücksniveau zurück. Egal, ob sie im Lotto gewinnen, durch einen Unfall körperlich eingeschränkt sind, umziehen oder sich etwas Neues gekauft haben, die hedonische Tretmühle sorgt dafür, dass unser Glücksniveau sich langfristig nur unwesentlich verändert. Nur wenige einschneidende Lebensereignisse verändern unser Wohbefinden signifikant und langfristig. Allerdings kann man diesen Gewöhnungseffekt durch langfristige Gewohnheitsveränderungen umgehen, die Ziel vieler Übungen der Positiven Psychologie sind.

Auch die Studie der Lottogewinner und Querschnittsgelähmten unterstützt die Erkenntnis von Easterlin. Doch sie stimmt nur unter einer Einschränkung: Wenn man so arm ist, dass grundlegende Bedürfnisse nicht mehr gestillt und die eigene Existenz nicht gesichert werden kann, macht dies unglücklich. Wenn Geld für Nahrung, Kleidung, ein Zuhause oder die eigene Sicherheit fehlt, hat dies Einfluss auf das eigene Wohlbefinden. Es braucht also ein gewisses Maß an Geld, um überhaupt glücklich sein zu können. Und es scheint eine Grenze zu geben, ab der Geld keinen Einfluss mehr auf unsere Zufriedenheit hat. Wie hoch diese Grenze genau liegt, darüber diskutieren die Forscher noch. Es gibt inzwischen mehrere Hinweise darauf, dass in unserer Wohlstandsgesellschaft ab einem Jahreseinkommen zwischen 60.000 $ und 80.000 $ Geld keinen Einfluss mehr auf unsere Zufriedenheit hat3,4. Das heißt, wenn man mehr als 80.000 $ im Jahr verdient, trägt dies nicht mehr wesentlich zu einem höheren Wohlbefinden bei. Was mit steigendem Einkommen jedoch ebenfalls steigt, ist die kognitive Bewertung des eigenen Lebens, also die Lebenszufriedenheit. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Studie5 aus 2021, dass das Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit auch bei einem Einkommen über 80.000 $ noch steigen. Je höher das Einkommen, desto mehr positive und desto weniger negative Emotionen erleben die Befragten. Eine deutsche Langzeitstudie6 kommt zu dem Schluss, dass mit steigendem Einkommen die Zufriedenheit zwar steigt, dass der Effekt allerdings immer geringer wird, je höher das Einkommen. Ab einem Jahreseinkommen von ca. 85.000 € (umgerechnet knapp 100.000 $) verschwindet auch hier der Zusammenhang zwischen Zufriedenheit und Einkommen. Neben der hedonischen Tretmühle gehen Psychologen von der Hypothese des relativen Standards7 aus, um zu erklären, wieso mehr Geld nicht oder nur geringfügig glücklicher macht. Mit steigendem Einkommen, steigen auch die materiellen Erwartungen. Je mehr man verdient, desto mehr Geld braucht man laut eigener Einschätzung, um sich seine materiellen Wünsche erfüllen zu können. Dadurch ist mehr Geld in Bezug auf das Wohlbefinden ein Nullsummenspiel.

Materialismus und Glück

Selbst die Vielzahl der Studien führt also nicht zu einer eindeutigen Antwort auf die Frage, ob Geld glücklich macht. Dies wird auch daran liegen, dass der Zusammenhang zwischen Geld und Glück kein einfacher linearer Zusammenhang ist. Stattdessen spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Wer nach mehr Geld strebt, verfolgt in der Regel materialistische Lebensziele. Die wenigsten Menschen möchten mehr Geld haben, um es dann spenden zu können. Materialismus steht jedoch im Zusammenhang mit einem niedrigen Wohlbefinden und einer geringen Lebenszufriedenheit8,9. Diesen Effekt kann man abmildern, wenn man seine Motivation dafür, mehr Geld zu verdienen, verändert. In einer Studie10 von 2001 fanden Forscher heraus, dass Menschen (in der Studie Studenten und Unternehmer), die negativen Motiven folgten, weniger glücklich waren. Wer Geld verdient, um damit besser als andere dazustehen, seine eigenen Selbstzweifel zu überwinden oder einen höheren Status zu haben, verringert damit sein Wohlbefinden. Positive Motive, wie die Versorgung der eigenen Familie, die Wahrung der eigenen Sicherheit oder etwas Gutes zu tun, haben keinen negativen Einfluss auf das Wohlbefinden. Das eigene Motiv macht also einen großen Unterschied.

Nicht nur beim zugrundliegenden Motiv können soziale Vergleiche eine toxische Wirkung haben. Aufwärtsvergleiche zeigen uns immer wieder, was andere haben, was wir (noch) nicht haben. Doch wie wohlhabend man auch ist, es wird immer jemanden geben, der noch reicher ist oder der noch mehr hat, als wir. Insbesondere in Bezug auf das Thema Finanzen möchten Menschen mehr haben, als andere. Das zeigt ein kleines Experiment11 aus den 90er Jahren sehr anschaulich.

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Gedankenexperiment

Welchen Job hättest du lieber:
Einen mit zwei Wochen Urlaub für dich und einer Wochen für deine Kollegen?
Oder einen mit vier Wochen Urlaub für dich und acht Wochen für deine Kollegen?

Wofür entscheidest du dich?

Welchen Job hättest du lieber:
Einen, bei dem du 50.000€ im Jahr verdienst und deine Kollegen 25.000€ im Jahr?
Oder einen, bei dem du 100.000€ im Jahr verdienst und deine Kollegen 200.000€?

Wofür entscheidest du dich?

In besagtem Experiment wählten 80% den Job, bei dem sie persönlich mehr Urlaub hatten, aber weniger als ihre Kollegen. Beim Einkommen entschieden sich nur noch 50% für ein höheres Einkommen für sich persönlich, bei dem die Kollegen mehr bekamen. 50% zogen es vor selber weniger zu verdienen, dafür aber mehr als ihre Kollegen. Um mehr als ihre Kollegen zu verdienen, war die Hälfte der Befragten bereit auf 50.000€ im Jahr zu verzichten. Das macht deutlich, wieviel Einfluss soziale Vergleiche auf unser Verhalten und unsere Entscheidungen haben.

Wir wissen jetzt, dass mehr Geld nicht unbedingt zuverlässig glücklich macht. Und Materialismus in Zusammenhang mit einem niedrigen Wohlbefinden und einer geringen Lebenszufriedenheit steht.

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Reflexion

Was tust du, um mehr Geld zu verdienen? Könntest du stattdessen etwas tun, was dich auf direktem Weg glücklich macht?

Wie wichtig sind dir materielle Ziele?

Wie sehr vergleichst du dich mit anderen? Siehst du eher, was andere haben, was du nicht hast oder kannst du auch erkennen, dass es viele Menschen gibt, denen es schlechter geht?

In Bezug auf Geld und Glück, stellt sich also eine viel interessantere Frage: Wie kann man sein Geld so ausgeben, dass es glücklich macht? Denn wenn wir nicht sicher wissen, ob mehr Geld wirklich glücklicher macht und es viele Hinweise dafür gibt, dass wir uns sehr schnell an mehr Geld, ein neues Auto, ein neues Haus und materielle Güter gewöhnen, sollten wir vielleicht aus einer anderen Perspektive auf den Zusammenhang zwischen Glück und Geld schauen. Mehr darüber, wie man Geld in Glück verwandelt, erfährst du im nächsten Blogartikel.

Ich wünsche dir genau so viel Geld, dass du glücklich bist!
Deine Alexandra

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Quellen

1. Easterlin, R. A. (1974). Does economic growth improve the human lot? Some empirical evidence. In Nations and households in economic growth (pp. 89-125). Academic Press.

2. Brickman, P., Coates, D., & Janoff-Bulman, R. (1978). Lottery winners and accident victims: Is happiness relative?. Journal of personality and social psychology, 36(8), 917.

3. Kahneman, D., & Deaton, A. (2010). High income improves evaluation of life but not emotional well-being. Proceedings of the national academy of sciences, 107(38), 16489-16493.

4. Jebb, A. T., Tay, L., Diener, E., & Oishi, S. (2018). Happiness, income satiation and turning points around the world. Nature Human Behaviour, 2(1), 33-38.
5. Killingsworth, M. A. (2021). Experienced well-being rises with income, even above $75,000 per year. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(4).
6. Schröder, M. (2020). Wann sind wir wirklich zufrieden?: Überraschende Erkenntnisse zu Arbeit, Liebe, Kindern, Geld. Auf Basis der größten Langzeitstudie mit über 600.000 Befragungen. C. Bertelsmann Verlag.
7. Diener, E., & Biswas-Diener, R. (2002). Will money increase subjective well-being?. Social indicators research, 57(2), 119-169.
8. Dittmar, H., Bond, R., Hurst, M., & Kasser, T. (2014). The relationship between materialism and personal well-being: A meta-analysis. Journal of personality and social psychology, 107(5), 879.
9. Nickerson, C., Schwarz, N., Diener, E., & Kahneman, D. (2003). Zeroing in on the dark side of the American dream: A closer look at the negative consequences of the goal for financial success. Psychological science, 14(6), 531-536.
10. Srivastava, A., Locke, E. A., & Bartol, K. M. (2001). Money and subjective well-being: it’s not the money, it’s the motives. Journal of personality and social psychology, 80(6), 959.
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Alexandra Loeffner - Positive Psychologie

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