1. Vom Glücksrezept zur Lebenspraxis
Die Positive Psychologie ist insbesondere für ihre Vielzahl wirksamer Interventionen bekannt. Während die Studien meist untersucht haben, welche Auswirkungen die Interventionen haben, wurde die praktische Anwendbarkeit und Integration in den Alltag weniger beachtet. Um diese Lücke zu schließen, wurden in der Studie 22 Anwender positiv psychologischer Interventionen befragt.
Während anfangs die Umsetzung strukturierter Interventionen im Fokus stand, entwickelten die Anwender mit der Zeit eine neue Denkweise, die ihr langfristiges Wohlbefinden unterstützte. Diese neue Denkweise zeigte sich durch:
- ein bewusstes Leben, das auf Wohlbefinden ausgerichtet war,
- eine regelmäßige Wohlbefindenshygiene durch kleine Aktivitäten, die das Wohlbefinden fördern,
- eine zunehmende Selbstakzeptanz, die sich darin ausdrückte, dass sie sich mit ihrem gesamten Selbst wohlfühlten, inklusive der Schwächen und Schattenseiten,
- mehr Ganzheitlichkeit in Form eines gesteigerten Bewusstseins für die Verbindung zwischen Körper und Geist,
- eine bewusste Beziehung zu ihrer Umwelt, die die Gestaltung ihrer Beziehungen und ihrer physischen Umgebung beinhaltet.
Diese Denkweise wird als „meliotropisches Wohlbefindens-Mindset” zusammengefasst, also die Tendenz, Gedanken, Verhalten, Einstellungen und Lebensentscheidungen aktiv auf das auszurichten, was das Leben lebenswert macht, selbst inmitten von Widrigkeiten. Nachhaltiges Wohlbefinden hat vielmehr mit der Entwicklung einer Denkweise zu tun, die auf kontinuierliche Entwicklung und Anpassung ausgerichtet ist, als mit der Anwendung von Interventionen. Doch die Interventionen der Positiven Psychologie können dabei helfen, das entsprechende Mindset zu entwickeln und ein erster Schritt auf dem Weg zu nachhaltigem Wohlbefinden sein.
2. Mikroglück statt Maxierlebnisse
Viele Menschen sind immer auf der Suche nach dem nächsten besonderen Erlebnis oder dem nächsten großen Ding, das sie glücklich macht. Sei es ein Urlaub in weit entfernte Länder, das lang ersehnte Eigenheim oder die Beförderung, für die man gekämpft hat. Doch der Alltag beinhaltet stattdessen viel mehr kleine, sich wiederholende Ereignisse. Der Begrüßungskuss des Partners, ein wohlriechendes Schaumbad oder der erdige Duft beim Waldspaziergang – all das sind potenzielle Möglichkeiten für Mikroglück. In dieser Studie befragte man ca. 2000 Menschen zu Mikroglück im Alltag.
Menschen finden Mikroglück in sechs verschiedenen Bereichen:
- Zeit mit nahestehenden Personen,
- persönlicher Entspannung,
- Kontakt mit der Natur,
- Unterhaltungsmedien,
- täglichen Erledigungen und
- Alkoholkonsum.
Das Mikroglück hat einen wesentlichen Einfluss auf das Wohlbefinden von Menschen. Vergleicht man den Einfluss wichtiger Lebensereignisse und täglicher Ereignisse, so hat das tägliche Mikroglück einen größeren Einfluss als wichtige Lebensereignisse. Unsere tägliche Mikrodosis Glück trägt also mehr dazu bei, dass wir uns gut fühlen und zufrieden mit unserem Leben sind, als die großen, besonderen Momente unseres Lebens.
3. Vetrauen als Schlüssel zum Glück
Vertrauen ist ein Gefühl, das entsteht, wenn wir darauf vertrauen können, dass andere Menschen oder Institutionen verlässlich, ehrlich und wohlwollend sind. Ist Vertrauen eine wichtige Zutat für ein glückliches Leben? Um diese Frage zu beantworten, analysierte die aktuelle Meta-Analyse 241 Studien mit über 2,5 Millionen Teilnehmern.
Menschen, die mehr Vertrauen in andere haben, sind glücklicher, zufriedener mit ihrem Leben und erleben mehr positive Emotionen und weniger negative Emotionen. Dies gilt insbesondere in Bezug auf zwischenmenschliches Vertrauen und weniger für allgemeines Vertrauen und institutionelles Vertrauen. Zudem zeigt die Studie, dass Vertrauen und Wohlbefinden sich gegenseitig verstärken: Wer mehr vertraut, hat später ein höheres Wohlbefinden, und wer ein höheres Wohlbefinden hat, vertraut anderen später mehr.
Vertrauen ist nicht nur wichtig für unser eigenes Wohlbefinden. Wer vertrauenswürdig ist, sei es als Einzelperson oder indem er zur Vertrauenswürdigkeit seiner Organisationen und Institutionen beiträgt, kann so das Glück anderer fördern.
4. Lebendige Fantasie statt endlose Grübelschleifen
Fantasie und Verspieltheit werden oft als kindliche Eigenschaften abgetan. Dabei nutzen Kinder sie erfolgreich, um psychologische Ressourcen aufzubauen und ihre Emotionen zu regulieren. Doch was wäre, wenn sie auch Erwachsenen helfen könnten, mit Schwierigkeiten besser umzugehen? Circa 300 Erwachsene wurden in dieser Studie befragt, um herauszufinden, ob spielerische Leichtigkeit und eine lebendige Vorstellungskraft Ressourcen oder Unreife sind.
Erwachsene, die verspielt sind und eine ausgeprägte Vorstellungskraft haben, sind in der Lage, besser mit ihren Emotionen umzugehen. Sie nutzen eher sinnvolle und hilfreiche Regulationsstrategien wie Akzeptanz, eine positive Neuausrichtung oder Relativierung, anstatt sich in schädlichen Strategien wie Selbstvorwürfen, Grübeln oder Katastrophisieren zu verlieren. Eine spielerische Lebenseinstellung und eine lebendige Fantasie können also zu einer höheren emotionalen Belastbarkeit und besseren Bewältigungsfähigkeiten beitragen.
5. Selbstmitgefühl schützt mehr als die Seele
Der Trend zu mehr Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl nimmt immer weiter zu. Erste Studien zeigen, dass Selbstmitgefühl nicht nur Vorteile für den einzelnen Menschen hat, sondern auch freundliches, großzügiges und soziales Verhalten gegenüber anderen fördert. In der heutigen Zeit wird jedoch zunehmend umweltfreundliches und nachhaltiges Verhalten benötigt. Ob Selbstmitgefühl auch auf dieser Ebene positive Effekte hat, untersucht die aktuelle Studie. Dafür wurden 700 Teilnehmer befragt und 140 Personen nahmen an einer Selbstmitgefühlsintervention teil.
Menschen, die mitfühlender mit sich selbst sind, sind weniger materialistisch eingestellt und verhalten sich umweltfreundlicher. Die Steigerung des Selbstmitgefühls durch eine Intervention kann diesen Effekt verstärken. Menschen mit einem gestärkten Maß an Selbstmitgefühl sorgen sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um die Natur und sind bereit, die Umwelt zu schützen.
6. Mit Meditation auf der Langstrecke zum Glück
Achtsamkeit und Meditation liegen im Trend und viele Anbieter werben damit, dass positive Effekte schon nach wenigen Einheiten merkbar sind. Wer jedoch schon einmal ernsthaft versucht hat, Achtsamkeit und Meditation regelmäßig in sein Leben zu integrieren, weiß, dass die positiven Effekte nicht immer gleich spürbar sind und manchmal sogar Frustration und andere negative Gefühle überwiegen. Wolltest du auch schon immer mal wissen, wie viel Meditationspraxis wirklich notwendig ist, damit du von den Vorteilen profitierst? Diese Frage beantwortet die aktuelle Studie, die die Meditationspraxis von über 1000 Teilnehmenden analysiert hat.
Je häufiger und länger man meditiert, desto größer sind die Vorteile in Bezug auf Wohlbefinden, das Erleben positiver Emotionen sowie die Verringerung negativer Emotionen und psychischer Belastungen. Die Häufigkeit der Meditationspraxis ist dabei etwa 2,5x so wichtig wie die Länge der Meditationen. Für deutliche Verbesserungen des Wohlbefindens sind etwa 35 bis 65 Minuten tägliche Meditationspraxis erforderlich, für Verbesserungen der psychischen Gesundheit etwa 50 bis 80 Minuten täglicher Praxis. Achtsamkeit kann also ein wirkungsvoller Weg zu mehr Glück und psychischem Wohlbefinden sein – aber er erfordert Geduld, Konsequenz und die Bereitschaft, in seine tägliche Meditationspraxis zu investieren.
7. Gemeinsam ist alles besser
Wir verbringen unsere Tage mit den unterschiedlichsten Aktivitäten. Während manche davon in Gesellschaft sind, machen wir andere eher alleine. Doch was genießen wir mehr, alltägliche Aktivitäten mit anderen Menschen oder alleine? Diese Frage untersucht die aktuelle Studie anhand von Bewertungen 80 unterschiedlicher Aktivitäten von über 40.000 Menschen.
Menschen finden jede alltägliche Aktivität angenehmer, wenn sie dabei mit anderen Menschen interagieren. Die Interaktion kann persönlich sein oder übers Telefon, auf die Aktivität bezogen oder unabhängig davon. Doch egal ob Essen, Lesen, Tanken, Einkaufen oder Aufräumen – alles ist gemeinsam besser. Glück scheint also in Gesellschaft anderer Menschen zu wachsen, selbst wenn für die Aktivitäten keine soziale Interaktion notwendig ist.
8. Wie Lebenssinn die Lebenszeit beeinflusst
Einen Sinn im Leben zu haben, macht glücklicher. So viel ist bereits bekannt. Dieses Gefühl, dass das eigene Leben stimmig und bedeutsam ist, hat jedoch das Potenzial für mehr positive Effekte. In dieser Studie wurde untersucht, ob Menschen, die ein sinnvolles Leben führen, ein geringeres Risiko zu sterben haben. Über 150.000 Personen wurden befragt und anschließend wurden sechs Jahre lang die Todesfälle der Teilnehmer erfasst.
Menschen, die einen Sinn im Leben haben, leben im Durchschnitt länger. Ein überdurchschnittliches Sinnerleben ist mit einem geringeren Sterberisiko von 15 % und mehr verbunden. Dies gilt beispielsweise für den Tod durch Unfälle und Erkrankungen wie Covid-19, Krebserkrankungen, Kreislauferkrankungen, Nervenerkrankungen, Atemwegserkrankungen oder Erkrankungen des Verdauungssystems. Auch wenn die Studie nicht beweist, dass Sinn direkt vor dem Tod schützt, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Lebenssinn zu einem längeren und gesünderen Leben beitragen kann.
9. Plan A reicht nicht
Spätestens jährlich zum Jahreswechsel sind Menschen hoch motiviert, neue Ziele zu erreichen und ihr Verhalten zu ändern. Leider scheitern diese Vorsätze zu oft. Während die Forschung vielfach untersucht hat, wie Ziele formuliert werden sollten und wie Pläne am besten aufgestellt werden, wurde das Strategie-Repertoire bisher vernachlässigt. Je mehr Wege zur Verfügung stehen, desto wahrscheinlicher sollte die Zielerreichung sein. Mehr als 2300 Teilnehmer wurden in dieser Studie zu ihren Zielen und ihrer Strategie-Toolbox befragt.
Je mehr unterschiedliche Strategien Menschen zur Verfügung haben, desto mehr Zielfortschritt erleben sie und desto eher erreichen sie ihre Ziele. Kombinieren sie beispielsweise Planung, Belohnungen, Bestrafungen, Umstrukturierung der Umgebung, soziale Unterstützung oder Vorabverpflichtungen, um ihre Ziele zu erreichen, wirkt sich das positiv aus. Der Vorteil einer großen Strategie-Toolbox zeigt sich über verschiedene Lebensbereiche wie gesunde Ernährung, Lernen oder Sparen hinweg. Es geht nicht darum, die eine richtige Strategie zu haben, sondern um Wahlmöglichkeiten und Flexibilität. Erfolgreiche Verhaltensänderung ist weniger eine Frage von Disziplin oder Willenskraft, sondern von strategischer Vielfalt.
10. Der kosmische Kalender
Wenn man die Geschichte des Universums von etwa 14 Milliarden Jahren auf ein einziges Jahr verdichten würde, dann würde unser Leben nur einen Bruchteil einer Sekunde im kosmischen Kalender ausmachen. Doch was passiert, wenn man Menschen an die Kürze ihres Lebens im Vergleich mit dem Universum erinnert? Dies wurde in zwei Experimenten mit 360 Teilnehmern getestet.
Wenn Menschen bewusst wird, dass ihr Leben nur zwei Zehntelsekunden im kosmischen Kalender einnimmt, fühlen sie sich selbst als kleiner Teil eines größeren Ganzen und empfinden ihre Probleme und Sorgen als weniger bedeutend. Das trägt dazu bei, dass sie weniger ängstlich und mit ihrem Leben zufriedener sind, das Gefühl haben, zukünftige Herausforderungen besser bewältigen zu können und eher bereit sind, sich und anderen zu vergeben. Das eigene Leben zeitlich in den Verlauf des Universums einzuordnen und zu bemerken, welch kleinen Bruchteil es in der kosmischen Perspektive ausmacht, hat positive Auswirkungen auf uns und unser Leben.
Impulse für dein 2026
Welche Erkenntnis hat dich besonders berührt, inspiriert oder überrascht? Der kosmische Kalender, die Kraft des Vertrauens oder die Rolle der Verspieltheit? Und wie wird sie dein Mindset, dein Verhalten und deine Haltung in 2026 verändern? Nimm dir einen Moment, stell dir das Jahr 2026 vor und lass diese neue Einsicht wie einen Kompass an deiner Seite wirken – als Inspiration für Entscheidungen, Begegnungen und kleine wie große Schritte, die dich deinem besten Selbst näherbringen. Vielleicht ist es gerade diese Erkenntnis, die dir hilft, bewusster zu leben, achtsamer zu handeln und Freude, Gelassenheit oder Sinn in jedem Tag zu entdecken. Mach 2026 zu deinem Jahr – mit den Impulsen der Forschung als Wegweiser.
Ich wünsche dir immer die richtige Erkenntnis!
Deine Alexandra
Quellen:
- Burke, J., Giraldez-Hayes, A., & Dunne, P. J. (2025). Meliotropic wellbeing mindset: A catalyst for sustaining long-term wellbeing. Frontiers in Psychology, 16, 1637864.
- Miwa, K. (2025). Small but certain happiness in daily life: Structure and relation with well-being. Journal of Happiness Studies, 26, 63.
- Bi, S., Maes, M., Stevens, G. W., de Heer, C., Li, J. B., Sun, Y., & Finkenauer, C. (2025). Trust and subjective well-being across the lifespan: A multilevel meta-analysis of cross-sectional and longitudinal associations. Psychological Bulletin, 151(6), 737–766.
- Rubinstein, D., Lahad, M., Aharonson-Daniel, L., Mizrahi, D., Weinstock, G., Tandler, N., & Proyer, R. T. (2025). Fantastic reality and playfulness as a means for adaptive emotion regulation. International Journal of Applied Positive Psychology, 10, 11.
- Fu, W., Fang, J., & Chang, B. (2025). Caring for yourself, caring for nature: A pro-environmental mechanism of self-compassion and intervention study. BMC Psychology, 13, 1233.
- Bowles, N. I., & Van Dam, N. T. (2025). Dose–response effects of reported meditation practice on mental‐health and wellbeing: A prospective longitudinal study. Applied Psychology: Health and Well‐Being, 17(4), e70063.
- Folk, D., & Dunn, E. (2025). Everything is better together: Analyzing the relationship between socializing and happiness in the American Time Use Survey. Social Psychological and Personality Science, 19485506251364333.
- Sutin, A. R., Luchetti, M., Karakose, S., Stephan, Y., & Terracciano, A. (2025). Meaning in life and all-cause and cause-specific mortality in the UK Biobank. Journal of Psychosomatic Research, 188, 111971.
- Werner, K. M., Wu, R., Gross, J. J., & Friese, M. (2025). When bigger is better: Size of strategy repertoire predicts goal attainment. Motivation and Emotion, 49(1), 31-45.
- Hornsey, M. J., Tyson, C., Ferris, L. J., Crimston, C. R., Faulkner, C., & Barlow, F. K. (2025). The cosmic calendar: Being reminded of the vastness of time can improve wellbeing. The Journal of Positive Psychology.







0 Kommentare