Der Undoing-Effekt positiver Emotionen

von Fredrickson et al.
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Studie

Positive Emotionen haben nicht nur vielfältige positive Auswirkungen, sondern können sogar die Effekte von negativen Emotionen abmildern oder gänzlich aufheben. Dies bietet insbesondere in Stress- oder Belastungssituationen eine effektive Möglichkeit, um die eigene Gesundheit vor den Folgen negativer Emotionen zu schützen.

Titel: The Undoing Effect of Positive Emotions

Autoren: Barbara L. Fredrickson, Roberta A. Mancuso, Christine Branigan und Michele M. Tugade

Erschienen: 2000 in Motivation and Emotion

Zusammenfassung: Es wird angenommen, dass positive Emotionen die kardiovaskulären Nachwirkungen negativer Emotionen aufheben. In Studie 1 wird dieser Effekt getestet. Teilnehmer (n = 170) mit angstbedingter kardiovaskulärer Reaktivität sahen sich einen Film an, der (a) Zufriedenheit, (b) Belustigung, (c) Neutralität oder (d) Traurigkeit hervorrief. Filme, die Zufriedenheit hervorrufen und amüsieren, führten zu einer schnelleren kardiovaskulären Erholung als neutrale oder traurige Filme. Die Teilnehmer aus Studie 2 (n = 185) sahen sich dieselben Filme in einem neutralen Zustand an. Die Ergebnisse bestätigen nicht die alternative Erklärung, dass der Undo-Effekt einen einfachen Austauschprozess widerspiegelt. Die Ergebnisse werden durch Fredricksons Broaden-and-Build-Theorie der positiven Emotionen kontextualisiert.

Hintergrund: Es existiert bereits eine Vielzahl an Studien zur Wirkung von positiven und negativen Emotionen. Negative Emotionen unterstützten das Überleben unserer Vorfahren in lebensbedrohlichen Situationen, indem sie lebenserhaltende Handlungen auslösen. Negative Emotionen führen zu einer physiologischen Aktivierung (um z.B. Flucht oder Kampf zu ermöglichen), zu der auch eine erhöhte kardiovaskuläre Reaktivität gehört. Studien zeigen, dass eine solche kardiovaskuläre Reaktivität, wenn sie groß, wiederkehrend oder länger andauert, das Risiko für die Entwicklung oder Verschlimmerung einer koronaren Herzkrankheit erhöhen. Deshalb ist es wichtig, Wege zu finden, um negative Emotionen zu regulieren. Neben gesundheitlichen Vorteilen hat die Regulierung von negativen Emotionen auch positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden und kognitive und soziale Funktionen.

Positive Emotionen haben eine andere Wirkung als negative Emotionen. Während negative Emotionen Gedanken und Handlungen einschränken, erweitern positive Emotionen das Repertoire an Gedanken und Handlungen. Dadurch bauen positive Emotionen langfristig persönliche Ressourcen auf. Negative Emotionen sichern das Überleben, indem sie bestimmte Handlungen ermöglichen und unterstützen. Positive Emotionen hingegen fördern das Überleben langfristig, durch Ressourcen, auf die in späteren bedrohlichen Situationen zurückgegriffen werden kann. Fredrickson fasst diese Erkenntnisse in ihrer Broaden-and-Build-Theorie zusammen.

Hypothese: Ausgehend von der unterschiedlichen Wirkung von positiven und negativen Emotionen, gehen die Forscher davon aus, dass positive Emotionen auch als Gegenspieler negativer Emotionen in Bezug auf deren Auswirkungen wirken. Sie bezeichnen dies als Undoing-Hypothese. Es wird davon ausgegangen, dass die Auswirkungen positiver Emotionen genutzt werden können, um die Auswirkungen negativer Emotionen zu regulieren. Die Forscher vermuten, dass sich dieser Effekt auch auf die kardiovaskuläre Reaktivität bezieht, das heißt, dass positive Emotionen die kardiovaskuläre Reaktivität, die negative Emotionen hervorrufen, verringern oder sogar gänzlich ungeschehen machen können. Die Annahmen beruhen auf einer Voruntersuchung von Fredrickson und Levenson (1998), die die Undoing-Hypothese stützt.

Studie 1

Methodik: Die vorliegende Studie untersucht 2 Strichproben. Stichprobe 1 bestand aus 95 Universitätsstudenten (50% Frauen), die durch Flyer und Zeitungsanzeigen rekrutiert wurden. Stichprobe 2 umfasste 75 Psychologie-Studenten (45% Frauen).

Die Untersuchung begann mit einer Angstinduktion (negative Emotion) in Form einer Vorbereitung einer Rede. Den Untersuchungsteilnehmern wurde die Aufgabe gestellt, innerhalb von 60 Sekunden eine 3-minütige Rede zum Thema „Warum sie ein guter Freund sind“ vorzubereiten, die anschließend aufgezeichnet und von Studenten bewertet werden würde. Die Teilnehmer erhielten außerdem die Info, dass nur 50% der Teilnehmer zufällig ausgewählt wurden, um die Rede zu halten. Alle anderen bekamen einen Film zu sehen. In Wahrheit musste keiner der Teilnehmer die Rede aufzeichnen, sondern alle sahen einen Videoclip.

Den Teilnehmern wurde dann zufällig einer von vier verschiedenen Videoclips gezeigt. Die Videos, die positive Emotionen hervorrufen sollten, zeigten Meereswellen (Zufriedenheit) oder einen Welpen, der mit einer Blume spielt (Vergnügen). Ein weiteres Video zeigte abstrakte geometrische Formen, das als neutrale Kontrollbedingung verwendet wurde. Das Video, das negative Emotionen (Trauer) hervorrufen sollte, zeigte einen Jungen, der weinte, als er seinen Vater sterben sieht. Anschließend füllten die Teilnehmer den Emotionsbericht aus, um ihre Emotionen zu beschreiben. Während des gesamten Experiments wurde verschiedene physiologische Messungen vergenommen, um die kardiovaskuläre Reaktivität zu ermitteln.

Ergebnisse: Im Rahmen der Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass die Angstinduktion zu kardiovaskulären Veränderungen wie einer Herzfrequenzbeschleunigung und sympathischer Aktivierung (z. B. erhöhter Blutdruck) führte. Wie angenommen, zeigten die Untersuchungen, dass die Videoclips, die positive Emotionen hervorriefen, die schnellste kardiovaskuläre Erholung zur Folge hatten. Es gab hierbei keine Wechselwirkungen mit Geschlecht oder Ethnizität der Teilnehmer.

Diskussion: Studie 1 bestätigt die Hypothese, dass positive Emotionen die Effekte von negativen Emotionen abmildern oder sogar aufheben können, und das unabhängig von Geschlecht oder Ethnizität. Allerdings ist noch zu klären, ob diese Effekte auch für andere positive Emotionen gelten, die in dieser Studie nicht untersucht wurden. Interessant ist dieser Befund auch für Privatpersonen, die so negative Emotionen in ihrem Leben regulieren können.

Es bleibt jedoch die Frage offen, ob die neutralen bzw. traurigen Videoclips eine kardiovaskuläre Reaktivität auslösen, die die positiven Videoclips nicht auslösen. Sodass nicht der Effekt der positiven Emotionen auf die kardiovaskuläre Reaktivität gemessen wird, sondern einfach die kardiovaskuläre Reaktivität, ausgelöst durch die verschiedenen Videoclips, die bei positiven Emotionen niedriger ist, als bei neutralen oder negativen Emotionen. Um diese Erklärung zu testen, wurde Studie 2 durchgeführt.

Studie 2

Methodik: An Studie 2 nahmen 185 Universitätsstudenten (49% Frauen) teil, die durch Flyer und Zeitungsanzeigen rekrutiert wurden. Ungefähr die Hälfte der Teilnehmer der zweiten Studie nahm später als Stichprobe 1 an Studie 1 teil.

Den Teilnehmern in Studie 2 wurde gesagt, dass sie Videoclips anschauen würden, die positive, neutrale oder negative Bilder enthielten. Während der Untersuchung wurde wie in Studie 1 die kardiovaskuläre Reaktivität gemessen. Zusätzlich sollten die Teilnehmer laufend ihren Affekt bewerten, mithilfe eines Ziffernblatts, das sie manipulieren konnten. Anschließend füllten sie, wie in Studie 1, den Emotionsbericht aus, um zu bewerten, wie sie sich gefühlt hatten.

Ergebnisse: Um die Ersatzhypothese zu bestätigen, mit der man die Ergebnisse von Studie 1 erklären könnte, müssten die beiden positiven Videoclips eine geringere sympathische Aktivierung zeigen, als die neutralen oder negativen Videoclips. Allerdings zeigen die Ergebnisse von Studie 2, dass es kaum Unterschiede in der kardiovaskulären Reaktivität zwischen den Videoclips gibt. Lediglich der traurige Videoclip löst eine etwas höhere Reaktivität hervor, insbesondere bei Frauen. Zwischen den neutralen und positiven Videos gab es jedoch keinen statistisch signifikanten Unterscheid in der kardiovaskulären Reaktivität.

Diskussion: Studie 2 kann die Hypothese nicht bestätigen, dass die kardiovaskulären Reaktionen in Studie 1 durch Ersatzeffekte zustande kommen. Da positive und neutrale Videoclips annähernd dieselben kardiovaskulären Reaktionen hervorrufen, kann die schnellere Erholung durch positive Emotionen nicht durch einen reinen Ersatzeffekt erklärt werden. Damit bestätigt Studie 2 den Undoing-Effekt von positiven Emotionen.

Diskussion Studie 1 & 2: Die Studien legen nahe, dass positive Emotionen einen Undoing-Effekt haben, wenn bereit kardiovaskuläre Veränderungen durch negative Emotionen aufgetreten sind. Es ergeben sich weitere Fragen, zum Beispiel, ob der Undoing-Effekt auf kardiovaskuläre Veränderungen begrenzt ist, oder ob sich dieser auch auf kognitiver oder Verhaltensebene zeigt. Auch weiß man noch nicht, ob der Undoing-Effekt auch gegen zukünftige kardiovaskuläre Veränderungen durch negative Emotionen puffern kann. Insgesamt zeigen die Untersuchungen, dass positive Emotionen, auch über den reinen Hedonismus hinaus, positive Auswirkungen auf unser Leben und unsere Gesundheit haben und weiter untersucht werden sollten.

Zitation: Fredrickson, B. L., Mancuso, R. A., Branigan, C., & Tugade, M. M. (2000). The undoing effect of positive emotions. Motivation and emotion, 24(4), 237-258.

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