Natur bemerken: Individueller und sozialer Nutzen einer zweiwöchigen Intervention

von Passmore & Holder
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Studie

Aufenthalte in der Natur machen glücklich. Dafür ist es nicht einmal notwendig mehr Zeit in der Natur zu verbringen. Es reicht schon aus, seine Aufmerksamkeit mehr auf die Natur und ihre Schönheit zu richten, um von der positiven Wirkung der Natur zu profitieren.

Titel: Noticing nature: Individual and social benefits of a two-week intervention

Autoren: Holli-Anne Passmore, Mark D. Holder

Erschienen: 2017 in The Journal of Positive Psychology

Zusammenfassung: Untersucht wurden die Auswirkungen einer zweiwöchigen naturbasierten Intervention zur Steigerung des Wohlbefindens. Studenten (N = 395) wurden nach dem Zufallsprinzip einer von drei Bedingungen zugeordnet: Natur, menschlich-geschaffen oder Business-as-usual. Die Teilnehmer achteten darauf, wie die Natur in ihrer alltäglichen Umgebung (oder von Menschen geschaffene Objekte, je nach Aufgabe) ihre Gefühle beeinflusste, fotografierten die Objekte bzw. Szenen, die in ihnen Emotionen hervorriefen und beschrieben die hervorgerufenen Emotionen. Die positiven Auswirkungen nach der Intervention wie positiver Affekt, Emotionen der Erhebung, das allgemeine Gefühl der Verbundenheit (mit anderen Menschen, der Natur und dem Leben insgesamt) und die prosoziale Orientierung waren in der Naturgruppe im Vergleich zur Gruppe, die sich auf vom Menschen erschaffene Objekte konzentrierte, und Kontrollgruppe signifikant höher. Eigenschaften wie Naturverbundenheit und Sinn für Schönheit haben die positiven Auswirkungen der Natur auf das Wohlbefinden nicht beeinflusst. Qualitative Ergebnisse zeigten signifikante Unterschiede in den emotionalen Themen, die durch Natur hervorgerufen werden, im Vergleich zu den von Menschen erschaffenen Objekten bzw. Szenen. Diese Untersuchung liefert wichtige empirische Unterstützung für die Einbeziehung der Natur als wirksame positiv psychologische Intervention.

Schlagwörter: Einbeziehung von Natur, positiv psychologische Intervention, Verbundenheit, erhebende Erfahrungen

Hintergrund: Es existiert bereits viel Forschung zur Beziehung zwischen Mensch und Natur. Wichtige Forschungsergebnisse sind beipielsweise die Attention-Restoration-Theory oder der Biophilia-Effekt. In existierenden Studien hat sich gezeigt, dass der Kontakt mit der Natur eine Vielzahl von Aspekten des Wohlbefindens verbessert, z.B. die Lebenszufriedenheit, den positiven Affekt, Sinnerleben, Gefühle der Erhebung (Elevation), Vitalität und psychisches als auch soziales Wohlbefinden. Außerdem verstärkt ein Aufenthalt in der Natur das prosoziale Verhalten. Auch wenn man Variablen wie Wetter, Tageszeit, Aktivität, Ort und Wochentag herausrechnet, sind Menschen im Allgemeinen glücklicher, wenn sie in der Natur sind, im Vergleich zu einer von Menschen gebauten Umgebung.

Hypothese: Die Forscher stellten die Hypothese auf, dass Teilnehmer, die darauf achten sollen, wie Natur ihr Gefühle beeinflusst, ein höheres individuelles Wohlbefinden, mehr Sinnerleben, ein stärkeres allgemeines Gefühl der Verbundenheit (mit anderen Menschen, der Natur und dem Leben als Ganzes) sowie eine ausgeprägtere prosoziale Orientierung erleben, im Vergleich zu Teilnehmern, die sich auf menschlich-erschaffene Objekte konzentrieren sollen, sowie Teilnehmer aus der Wartelisten-Kontrollgruppe. Außerdem soll der Einfluss von Eigenschaften wie Naturverbundenheit und Sinn für Schönheit überprüft werden.

Methodik: An der Studie nahmen 395 Psychologiestudenten teil. 133 wurden randomisiert der Kontrollgruppe, 110 der Gruppe, die sich auf menschlich-erschaffenes konzentrieren soll, sowie 121 der Naturgruppe zugeordnet. Ca. 68% der Teilnehmer waren weiblich und das Durchschnittsalter lag bei 20 Jahren.

Die Teilnehmer kamen Informationspakete mit der Anleitung der Aufgaben. Die Teilnehmer der beiden Untersuchungsgruppen (Natur und menschliche Objekte) wurden angewiesen die nächsten 2 Wochen achtsam zu sein, wie die Objekte, die ihnen im Alltag begegnen (entweder natürliche oder menschliche Objekte) sie fühlen ließen. Wenn sie eine starke Emotion wahrnahmen, sollten sie ein Foto vom Objekt machen und es mit einer kurzen Beschreibung an die Forscher schicken. Die Kontrollgruppe sollte 2 Wochen ihre übliche Routine beibehalten und bekam die Info, dass sie anschließend Hinweise zu dem Foto-Projekt bekämen.

Zu Beginn der zwei Wochen füllten alle Teilnehmer einmal die PANAS (Positive and negative affect scale) aus, um sicherzustellen, dass die Gruppen sich im Level ihres Wohlbefindens ähnelten und miteinander vergleichbar waren. Während der zwei Wochen bekamen beide Untersuchungsgruppen jeden zweiten Tag eine Erinnerungs-Mail. Nach den zwei Wochen füllten alle Gruppen verschiedene Fragebögen aus.

Die Skalen, die verwendet wurden, waren:

  • Wohlbefinden: PANAS (Positive and negative affect scale), Elevating Experiences Scale (EES, Gefühle im Zusammenhang mit Elevation wie Inspiration oder Ehrfurcht), Sense of Meaning Scale (SMS)
  • Allgemeines Gefühl der Verbundenheit: 4 Skalen, die die subjektive Verbindung zu anderen Menschen, zur Natur und dem Leben als Ganzes abfragen, wurden kombiniert
  • Prosoziale Orientierung: 2 Skalen für prosoziale Orientierung wurden kombiniert
  • Moderatoren: Connectedness to Nature Scale (CNS) und Engagement with Beauty Scale (EWB)

Ergebnisse: Der Vergleich der Gruppen, im Anschluss an die zweiwöchige Intervention, zeigte, dass das Wohlbefinden, Gefühle der Erhebung, die prosoziale Orientierung sowie das allgemeine Gefühl der Verbundenheit in der Naturgruppe signifikant höher waren, als in den anderen beiden Gruppen. Es konnten jedoch keine signifikanten Unterschiede im Sinnerleben zwischen den Gruppen festgestellt werden. Die Moderatoren, also die Eigenschaften der Naturverbundenheit und Sinn für das Schöne zeigten keinen Einfluss auf die genannten Effekte. Ebenso sind die Effekte nicht abhängig von der Zeit, die in der Natur verbracht wurde. Denn es zeigte sich, dass alle drei Gruppen, unabhängig von der jeweiligen Aufgabe, ähnlich viel Zeit in der Natur verbracht hatten. Daraus lässt sich ableiten, dass die positiven Effekte durch die bewusste Aufmerksamkeit auf die Natur entstanden sind. Die Auswertung der Fotos, die die Teilnehmer eingeschickt hatten, zeigte, dass Naturfotos eher mit positiven Gefühlen assoziiert waren (z.B. Ehrfurcht, Freiheit, Hoffnung, Ruhe, Verjüngung), als mit negativen. Bei menschlich-erschaffenen Objekten war der Zusammenhang anders herum. Diese waren eher mit negativen (z.B. Mode, Sicherheit, Stolz, Ekel, Neid, Stress, Müdigkeit, Schuld, Ärger), als mit positiven Assoziationen verknüpft. Aus der qualitativen Untersuchung ließ sich auch ableiten, dass die Teilnehmer dazu neigten die positive Wirkung von Natur zu unterschätzen.

Diskussion: Die Studie zeigt signifikante positive Effekte von Natur auf das Wohlbefinden von Menschen. Dabei waren die Effektstärken durchschnittlich sogar höher als bei sonstigen positiv psychologischen Interventionen. Dies spricht für eine Öko-Existenzielle Positive Psychologie und den Einsatz von Naturinterventionen in Coaching, Therapie und anderen Anwendungsfeldern. Auch zeigt die Studie, dass keine Veränderungen der Umgebung, der Gewohnheiten oder weite Reisen notwendig sind, um von den positiven Effekten der Natur zu profitieren. Alleine die Aufmerksamkeitslenkung auf die Natur ist ausreichend.

Die Einschränkungen der Studie sind in der homogenen Stichprobe zu sehen, die nicht repräsentativ ist. Dass kein erhöhtes Sinnerleben nachgewiesen werden konnte, stimmt nicht mit Vorbefunden überein. Weitere Untersuchungen sollten außerdem Messungen vor der Intervention beinhalten, sowie eine verhaltensbasierte Bewertung der prosozialen Orientierung, da diese in der vorliegenden Studie nur auf einer Selbsteinschätzung basiert. Interessant wäre auch eine Untersuchung von Langzeiteffekten von Naturinterventionen.

Zitation: Passmore, H. A., & Holder, M. D. (2017). Noticing nature: Individual and social benefits of a two-week intervention. The Journal of Positive Psychology, 12(6), 537-546.

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Alexandra Loeffner - Positive Psychologie

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